Für eine Welt ohne Gentechnik
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Fokusartikel
Regulierung der neuen Gentechnik-Verfahren
(Bild: fotolia, Montage: Bivgrafik)
Fokusartikel Gentechfrei Magazin Nr. 89
Wo Gentechnik drinsteckt, muss auch Gentechnik draufstehen
Mit dem sogenannten Genome Editing wird das Erbgut von Pflanzen, Tieren und Menschen im Labor gezielt verändert. Trotzdem sollen Produkte, die daraus entstehen, nicht den Regulierungen des bestehenden Gentechnikgesetzes unterstellt werden. Die Kampagne «Keine Gentechnik durch die Hintertür» setzt sich für eine umfassende und transparente Regelung aller gentechnischen Verfahren ein. Gentechnik-Organismen dürfen nicht ohne eingehende Prüfung und klare Kennzeichnung für Anbau und Konsum zugelassen werden.
Text: Denise Battaglia, Paul Scherer
Die Heilsversprechen bleiben seit 25 Jahren die gleichen. Die Gentechnik habe das Potenzial, die Menschheit von den grossen Plagen wie Krebs, Aids oder Alzheimer zu erlösen, die Landwirtschaft von Schädlingen zu befreien, ihre Erträge zu steigern und den Welthunger zu besiegen.
Mit der Genom-Editierung versucht die Biotechnologie nun direkt ins Erbgut von Lebewesen einzugreifen und es nach ihrem Gutdünken zu manipulieren. Eines der beliebtesten Instrumente ist eine sogenannte Genschere mit dem schier aussprechbaren Namen CRISPR/Cas9 (sprich: Krispr Kas neun). Das Prinzip klingt einfach: Während CRISPR einen spezifischen Genabschnitt der DNA erkennt, schneidet das angehängte Enzym Cas9 die DNA an dieser Stelle. «Damit kann man einfach, billig und schnell Gene herumschieben – alle Gene in allen Lebewesen, von den Bakterien bis zu den Menschen», bringt es das US-amerikanische Technologie magazin «Wired» auf den Punkt.
Unabhängige Forschung fehlt
Äpfel und Pilze, die nicht mehr braun werden, wenn sie angeschnitten werden, Kartoffeln, die länger haltbar bleiben, Mais, der mehr Stärke produziert, Weizen, der weniger Kohlenhydrate, dafür mehr Ballaststoffe enthält, Rinder ohne Hörner, dies sind nur einige Bespiele, an denen heute Forschende tüfteln. (Bild: fotolia, Montage: Bivgrafik)
«Präzise» ist im Zusammenhang mit CRISPR/Cas9 das am häufigsten gebrauchte Wort. «Doch Präzision kann nicht mit Sicherheit gleichgesetzt werden. Auch eine präzise Veränderung kann unvorhergesehene Folgen haben», sagt Tamara Lebrecht, Umweltnaturwissenschaftlerin und Sprecherin der Critical Scientists Switzerland, einer Vereinigung von kritischen Wissenschaftlern, die sich unter anderem für eine von der Industrie unabhängige Forschung engagiert. Die Schweiz dürfe das bewährte Vorsorgeprinzip wegen der momentanen Euphorie für die Genom-Editierung nicht aufgeben.
Bei dem in der Schweiz und in Europa im Gesetz verankerten Vorsorgeprinzip können Produkte erst auf den Markt gebracht werden, wenn der Hersteller mittels unabhängiger Risikoanalysen oder Langzeitstudien nachweisen kann, dass die Produkte unbedenklich sind. In den USA sind die Hürden für den Markt deutlich niedriger und neue Produkte dürfen so lange verkauft werden, bis wissenschaftlich bewiesen ist, dass sie schädlich sind.
Transparenz soll geopfert werden
Nun sollen auch in Europa die strengen Vorschriften, welche das Gentechnikgesetz definiert, aufgeweicht werden. Umfassende Regulierungen werden im Zeitalter des uneingeschränkten globalen Freihandels als hinderlich abgetan. Die Frage, wie Produkte, die mit dem Genome Editing entstehen, zu regulieren sind, beschäftigt die Schweiz genauso wie die EU. So fordert die Akademie der Naturwissenschaften Schweiz SCNAT, dass die neuen Gentechniken explizit vom Gentechnikgesetz ausgeklammert werden. Es gebe «aus naturwissenschaftlicher Sicht keinen Grund für eine strenge Regulierung», schreiben sie in ihrem Factsheet. Die neuen Techniken seien «so sicher» wie konventionelle Züchtungsverfahren und «darüber hinaus erst noch präziser».
Agrarindustrie, Behörden und Biotechnologen bezeichnen die neuen Gentechnik-Methoden gerne als «neue Zuchtverfahren». Das Reizwort Gentechnik wird gemieden. Werden sie dem Gentechnikgesetz unterstellt, würden Pflanzen, die daraus entstehen, unter das Gentech-Moratorium fallen, das bis ins Jahr 2021 gilt. Werden sie davon ausgenommen, dürften sie gemäss den üblichen Vorschriften für konventionelle Pflanzen angebaut und verkauft werden. Die Konsumierenden würden in diesem Fall nicht erfahren, wenn sie gentechnisch veränderte Lebensmittel auf dem Teller hätten.
Ob die Bevölkerung Gentechnik ohne entsprechende Deklaration akzeptieren würde, erscheint fraglich. Bei einer Befragung durch das deutsche Bundesinstitut für Riskobewertung (BfR) verschiedener Fokusgruppen zu CRISPR/Cas9 und Genome Editing zeigte sich, dass die Mehrheit das Genome Editing als eine Form der Gentechnik beurteilt und solche Lebensmittel als «nicht natürlich» ablehnt.
Blind für die Risiken
Die Ethikkommission (EKAH), ein Gremium von Experten, welches den Bundesrat zu Fragen der Gentechnik im ausserhumanen Bereich berät, warnt davor, «die Anforderungen» von Produkten aus den neuen gentechnischen Verfahren zu senken. Eva Gelinsky, Agrarwissenschaftlerin und Mitglied der EKAH, mahnt: «Wie die im Labor veränderten Pflanzen in der Natur reagieren, wissen wir bislang nicht. Die Biotechnologen glauben immer noch, dass man an der ‹PflanzenMaschine› nur an einer Schraube drehen muss, damit sie sich verhält wie man will.» Eine Pflanze sei aber kein statisches Produkt, sondern ein Organismus, der in dauernder Wechselwirkung mit seiner ebenfalls nicht statischen Umwelt stehe. «Wir müssen nicht nur Chancen, sondern auch Risiken berücksichtigen und in die Betrachtung miteinbeziehen», gibt Gelinksy zu bedenken. Der Hype um die Genom-Editierung aber mache fast blind für die Risiken der neuen Gentechnik-Verfahren.
Würde das Genome Editing von der Gentechnikgesetzgebung ausgenommen, könnten Gentechnik-Organismen ohne eingehende Prüfung und klare Kennzeichnung zugelassen werden. Welche Risiken dabei auf die Gesellschaft zukommen könnten, zeigen aktuelle Forschungsbeispiele eindrücklich.
Gentechnisch optimierte Kühe

(Bild: clipdealer, Montage: Bivgrafik)
Die Milch der Kuh Daisy enthält dank Genome Editing weniger allergieauslösende Eiweissstoffe. Möglich wurde dies durch einen Eingriff in die Genregulation. Mit den neuen Gentechnik-Verfahren sollen zukünftig mehr und mehr gentechnisch veränderte Tiere geschaffen werden. Von Rindern ohne Hörner bis zu extra muskulösen Schweinen. Doch solche Experimente sind mit viel Tierleid verbunden, da bei solchen Experimenten viele Tiere aufgrund von Gendefekten nicht lebensfähig sind und getötet werden müssen. Auch bei Daisy blieben Gendefekte nicht aus: Ihr fehlt aufgrund unerwarteter Nebeneffekte der Schwanz und ihre Organe weisen abnorme Veränderungen auf. Mit gentechnisch veränderten Nutztieren kommen neue Risiken auf die Landwirtschaft zu und es stellen sich ethische Fragen.
Herbizidresistenter Raps dank Genome Editing
Der Raps der US-Firma Cibus wurde mit Genome Editing gegen Herbizide resistent gemacht. In Kanada und den USA wird er bereits angebaut. Auch in Deutschland erhielt er eine Anbaugenehmigung. Doch auf Druck der EU-Kommission wurde diese ausgesetzt. Derzeit befasst sich der Europäische Gerichtshof mit der Frage, wie solche Pflanzen rechtlich zu bewerten sind. Neue Gentechnik-Verfahren greifen direkt auf der Ebene des Erbguts ein. Somit unterscheiden sich diese Verfahren deutlich von denen der konventionellen Züchtung, wo mit der ganzen Pflanze beziehungsweise der ganzen Zelle und dem System der natürlichen Genregulation und Vererbung gearbeitet wird. Risiken gibt es auch dann, wenn kein artfremdes Erbgut eingefügt wird. Durchlaufen die Pflanzen keine Sicherheitsprüfung, können Risiken unbemerkt bleiben, und nach einer Freisetzung kann sich das veränderte Erbgut unbemerkt in der Umwelt ausbreiten.
Ausrottung ganzer Populationen
Mit den neuen Gentechnik-Verfahren ist es nicht nur möglich, die DNA zu verändern, sondern auch die Häufigkeit, mit der die neuen Eigenschaften vererbt werden. Im Erbgut werden sogenannte Gene Drives verankert, die gentechnisch eine Veränderung im Genom auslösen und diese an alle Nachkommen weitervererben. Sie sollen beispielsweise dazu eingesetzt werden, bestimmte Arten zu dezimieren oder auszurotten, indem nur noch die Männchen lebensfähig sind. Dies wird für Insekten, unerwünschte Wildtiere oder Unkräuter diskutiert. Es könnten damit aber auch bestimmte biologische Eigenschaften einer Art verändert werden. So sollen Mücken nicht mehr in der Lage sein, die Erreger der Malaria zu übertragen, Wildkräuter sollen in Nutzpflanzen umgewandelt oder Unkräuter empfänglicher für Herbizide gemacht werden. Experten warnen davor, derartige Organismen in die Umwelt zu entlassen. Denn derartige Freisetzungen sind nicht wieder rückgängig zu machen. Noch weiss die Wissenschaft zu wenig, um mit Sicherheit sagen zu können, wie sich Organismen mit eingebautem Gene Drive in der Umwelt verhalten werden. Es könnte zu schweren Schäden an ganzen Ökosystemen kommen.
Gentechnik-Experimente im Wald

Chinesische und südkoreanische Forscher haben «Supermuskelschweine» kreiert, Schweine die sehr schnell sehr viel Muskelfleisch ansetzen, um eine «höhere Ausbeute an Fleisch pro Tier» und mehr «mageres Fleisch» zu erhalten. (Bild: clipdealer, Montage: Bivgrafik)
In Schweden wurden 2016 erstmals Freisetzungen mit Pappeln beantragt, welche mit CRISPR/Cas9 verändert wurden. Auch in China und den USA wird mit den neuen Gentechnik-Verfahren an Waldbäumen experimentiert mit dem Ziel, Wachstum und Holzqualität für die Bedürfnisse der Holz und Papierindustrie zu optimieren.
Das künstlich veränderte Erbgut kann sich über Pollen, Samen und bei Pappeln auch über Sprösslinge unkontrolliert in der Umwelt verbreiten. Gentechnik an Bäumen ist besonders heikel, da die Zeiträume, die im Rahmen einer Risikobewertung betrachtet werden müssten, sehr lang sind, und Langzeitstudien daher fehlen. Die Freisetzung gentechnisch veränderter Waldbäume sollte deshalb nicht erlaubt werden.
Künstliche Mischwesen für Organspenden
Bereits wird mit Embryonen experimentiert, in denen sich menschliche und tierischen Zellen vermischen. Solche Mischembryonen aus Mensch und Schwein wurden in die Gebärmutter von Schweinen eingepflanzt und konnten sich so für drei bis vier Wochen entwickeln. Ziel ist es, Tiere zu schaffen, die für Organspenden verwendet werden können. Durch diese Art von Forschung steigt nicht nur die Zahl der Tierversuche weiter an, auch der Mensch selbst droht zum Objekt von Labor experimenten zu werden.
Die Kampagne «Keine Gentechnik durch die Hintertür» wurde von der SAG / StopOGM /GeneWatch UK / IG Saatgut lanciert. Sie wird aktiv unterstützt von den Trägerorganisationen der SAG. Helfen auch Sie mit.
Besuchen Sie die Home-page zur Kampagne auf: www.keine-neue-gentechnik.ch
RNA-Sprays — eine Revolution auf dem Acker?
Pestizidausbringung (Bild: Shutterstock)
Fokusartikel Gentechfrei Magazin Nr. 109
Neuer Ansatz bei der Entwicklung von Pflanzenschutzmitteln
Chemisch-synthetische Pflanzenschutzmittel belasten Gesundheit und Umwelt und werden von der Bevölkerung daher zunehmend abgelehnt. Doch was sind die Alternativen für die Landwirtschaft? Molekularbiologen arbeiten an einer Technologie, welche natürliche Abwehrmechanismen imitiert und bei Schädlingen gezielt lebenswichtige Gene abschaltet. Eine Technik mehr, bei der sich die Frage stellt, wie Chancen und Risiken gegeneinander abgewogen werden können und wie sie von den Behörden international reguliert werden soll.
Text: Benno Vogel
«Faszinierend», «bahnbrechend», «revolutionär» – glaubt man den Worten von Forschenden, bricht im Pflanzenschutz eine neue Ära an. Auslöser sind spraybare Präparate, die dank eines neuartigen Wirkstoffs eine umweltfreundliche Bekämpfung von Schädlingen und Krankheitserregern möglich machen sollen. Der Name des Wirkstoffs ist doppelsträngige Ribonukleinsäure oder kurz dsRNA. Schädlinge nehmen ihn durch Fressen der Pflanzenteile oder durch Saugen auf.
Was diese dsRNA besonders macht, ist ihre Programmierbarkeit. RNA ist wie DNA aus vier verschiedenen Basen aufgebaut und die genaue Abfolge dieser Bausteine lässt sich bei der Herstellung bestimmen. Nutzbar ist die Programmierbarkeit, weil dsRNA in Pilzen, Pflanzen und Tieren die RNA-Interferenz auslöst – einen natürlichen Mechanismus, der zur Stilllegung der Gene führt, deren Basenabfolge mit der dsRNA übereinstimmt.
Anders ausgedrückt: Da Forschende dsRNA so aufbauen können, dass sie mit Genen übereinstimmt, die für Schadorganismen lebenswichtig sind, steht im Pflanzenschutz heute ein Wirkstoff bereit, der – so das Versprechen der Forschenden – die Herstellung Arten-spezifischer und somit nebenwirkungsarmer Präparate ermöglichen soll. Mehr noch: Da sich mit dsRNA selbst virale Gene abstellen lassen, könnte es erstmals möglich werden, auch Pflanzenviren direkt zu bekämpfen. Bis jetzt gibt es nur indirekte Wege – entweder via Züchtung resistenter Pflanzensorten oder via Abtöten der Insekten, die die Viren übertragen.
Noch sind keine dsRNA-Sprays auf dem Markt. Doch das dürfte sich bald ändern. Nicht nur, weil erste Feldversuche erfolgreich abgeschlossen sind, sondern auch, weil Firmen Wege gefunden haben, grosse Mengen dsRNA billig herzustellen. Lagen die Herstellungskosten für ein Gramm dsRNA vor zehn Jahren noch bei 12 000 Franken, soll die gleiche Menge heute für weniger als 50 Rappen produzierbar sein.
Eines der ersten Produkte, die auf den Markt kommen dürften, ist ein Spray gegen den Kartoffelkäfer. GreenLight Biosciences will dieses Jahr in den USA die Zulassung beantragen und plant die Marktlancierung für 2022. Bis dahin dürfte eine Reihe weiterer Präparate marktreif sein. Denn neben GreenLight Biosciences treiben noch andere kleinere und mittlere Unternehmen die Lancierung von dsRNA-Produkten voran. Die US-Firma Agro-Spheres zum Beispiel hat gleich mehrere Sprays in der Pipeline: gegen Blütenthripse, winzige Insekten, die bei Zierblumen ihr Unwesen treiben, gegen den Herbst-Heerwurm, der Mais befällt, und gegen den Botrytis-Pilz, der bei verschiedenen Pflanzenarten Grauschimmel verursacht. Die brasilianische Firma Lotan will dsRNA auf den Markt bringen, die Weisse Fliegen abtötet, und in Deutschland arbeitet RLP Agro-Science an einem Spray gegen die Kirschessigfliege.
Wie wird die Zulassung geregelt?
Könnten RNA-Sprays hochgiftige Pestizide ersetzen? (Bild: Shutterstock)
Und die grossen Agrochemie-Konzerne? Die haben das Potenzial der dsRNA längst erkannt und sich mit Kooperationen und Firmenübernahmen in Stellung gebracht. Der israelische Multi Adama zum Beispiel arbeitet mit AgroSpheres zusammen. Syngenta, wie Adama ein Tochterunternehmen von Chemchina, hat 2012 für 403 Millionen Euro die belgische Firma Devgen gekauft und entwickelt seither mit deren Know-how RNA-Sprays – unter anderem gegen Floh- und Kartoffelkäfer. Die gleichen Käferarten im Visier hat auch Bayer CropScience, die seit der Übernahme von Monsanto über das RNA-Spraysystem Biodirect verfügt. Und während BASF Forschung zur Bekämpfung von Fusarienpilzen finanziert, unterstützt Nufarm die Entwicklung von dsRNA-Präparaten gegen Pflanzenviren.
Auch wenn dsRNA-Präparate erst in der Entwicklung sind, arbeiten Forschung und Industrie bereits daran, für deren Lancierung ein günstiges gesellschaftliches und regulatorisches Umfeld zu schaffen. Das Zielpublikum der Lobby- und Öffentlichkeitsarbeit sind Politik, Behörden und Bevölkerung. Dort beginnen jetzt die Debatten über die Fragen, deren Beantwortung das Umfeld wesentlich bestimmen werden: Sind Umwelt und Gesundheit in Gefahr, wenn dsRNA grossflächig auf die Felder versprüht wird? Und wie stellt der Staat sicher, dass nur unbedenkliche Produkte zugelassen werden?
Industrie betreibt Imagepflege
Eines der ersten Produkte, die auf den Markt kommen dürften, ist ein Spray gegen den Kartoffelkäfer. GreenLight Biosciences will dieses Jahr in den USA die Zulassung beantragen und plant die Marktlancierung für 2022. (Bild: Shutterstock)
Um die Antworten in ihrem Sinne zu beeinflussen, haben die Firmen eine klare Botschaft parat: Da RNA eine natürliche und gesundheitlich unbedenkliche Substanz ist, die wir täglich mit unserer Nahrung aufnehmen, sind die spezifisch wirkenden dsRNA-Sprays ein innovatives Mittel für den biologischen Pflanzenschutz.
Wenn die Firmen das Image der dsRNA als Biopestizid fördern, dürften sie damit vor allem zwei Ziele verfolgen. Das erste ist, Akzeptanz bei Politik und Bevölkerung schaffen. Denn dort steht die Branche mit ihrem gängigen Geschäftsmodell – dem Verkauf chemisch-synthetischer Pestizide – heftig in der Kritik. Vor allem in Europa: In der EU startete Ende 2019 die Bürgerinitiative Bienen und Bauern retten, die chemisch-synthetische Pestizide bis 2035 verbieten will. In der Schweiz sind mit der Trinkwasser- und der Pestizidverbots-Initiative gleich zwei Volksbegehren hängig, die in der Landwirtschaft synthetische Mittel stark verringern oder ganz verbieten wollen. Selbst der Bundesrat hat 2017 einen Aktionsplan verabschiedet, mit dem er Alternativen zum chemischen Pflanzenschutz fördern will.
Das zweite Ziel ist, mögliche Gefahren von dsRNA-Sprays als irrelevant erscheinen zu lassen und dadurch nicht nur hohe Anforderungen an die Sicherheitstests zu verhindern, sondern auch die Kosten für die Zulassung tief zu halten. Im Visier der Lobbyarbeit sind hier die Bewilligungsbehörden. Die müssen jetzt nämlich klären, welche Gefahren sie für bedeutsam halten, und entscheiden, welche Daten sie von den Firmen verlangen, um die Risiken der einzelnen Produkte zu bewerten.
Dass die Botschaft der Industrie gewisse Aspekte unbetont oder unerwähnt lässt, liegt in der Logik des Marketings. Einer dieser Aspekte ist die Herstellungsweise. Auch wenn RNA ein natürlicher Stoff ist, stammt die dsRNA in den Sprays aus unnatürlichen Quellen. Hergestellt wird sie nämlich entweder chemisch-synthetisch in der Maschine, mit In-vitro-Systemen der Synthetischen Biologie oder mittels gentechnisch veränderter Bakterien. Letzteres geschieht zwar in geschlossenen Fermentern, und die dsRNA wird anschliessend von den Bakterien gereinigt. Trotzdem können Fehler nicht vollständig ausgeschlossen wer-den, und es besteht die Gefahr, dass mit den dsRNA-Sprays unbeabsichtigt auch gentechnisch veränderte Bakterien auf die Felder kommen.
Ein weiterer Aspekt ist die unsichere Datenlage. So taucht in den Botschaften der Industrie kaum auf, dass Forschende hoch kontrovers darüber diskutieren, ob mit der Nahrung aufgenommene RNA im menschlichen Körper nicht doch unerwünschte Wirkungen haben kann.
Unabhängige Studien fehlen noch

dsRNA-Sprays könnten nicht nur in der Landwirtschaft zur Anwendung kommen. Erforscht werden auch Anwendungen in der Tiermedizin oder im Naturschutz. Auch im Haushalt sind Anwendungen denkbar, beispielsweise im Kampf gegen Kakerlaken. (Bild: Shutterstock)
Aussen vor bleibt auch, wie wenig unabhän-gige Daten zum Umweltverhalten von dsRNA existieren. Wer in der Literatur danach sucht, wie rasch RNA in Böden und Gewässern ab gebaut wird, findet derzeit fünf Studien – vier davon stammen von der Industrie.
Auch was Nebenwirkungen für Nützlinge betrifft, sind kaum Daten vorhanden. Klar ist hier nur, dass die Sprays nicht per se so unbedenklich sind, wie die Firmen betonen. Zwar lässt sich dsRNA so pro-grammieren, dass sie gezielt ein lebenswichtiges Gen lahmlegt. Aber gerade bei diesen Genen ist es oft so, dass ihre Sequenz über die Artengrenzen hinweg konserviert ist.
Noch ein Aspekt, der das Image der dsRNA-Sprays als Biopestizid schmälern und die Risikobewertung beeinflussen könnte: Um die neuartigen Sprühmittel wirksamer zu machen, kreieren die Firmen Formulierungen, in denen die dsRNA chemisch modifiziert, eingepackt in Nanopartikel oder in chromosomenlosen Minizellen auf die Felder kommt.
Ein Ort, an dem Forschung und Industrie auf Behörden treffen, um über die Regulierung von dsRNA-Präparaten zu diskutieren, ist die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD). Dort hat sich unlängst eine Arbeitsgruppe formiert, um Richtlinien für die Tests zu erarbeiten, mit denen in Zukunft die Sicherheit der dsRNA-Sprays geprüft werden soll. Neben Behörden der OECD-Mitgliedsländer sind auch Bayer und Syngenta mit dabei. Als Start führte die Arbeitsgruppe im April 2019 eine Konferenz durch. Stimmen aus der unabhängigen Forschung waren dort unter den ReferentInnen nicht zu hören.
Noch keine Zulassungsanträge in der Schweiz
Die Prüfrichtlinien der OECD spielen auch in der Schweiz eine wichtige Rolle bei der Pestizidzulassung. Wenn die federführenden Bundesämter für Umwelt (BAFU) und Landwirtschaft (BLW) das hiesige Zulassungsverfahren an dsRNA anpassen werden, dürften die zukünftigen OECD-Richtlinien wegweisend sein.
Neben der Anpassung des Zulassungsverfahrens dürften hierzulande auch rechtliche Aspekte zu klären sein. Da das Schweizer Recht biologisch aktive dsRNA einem Mikroorganismus gleichsetzt, stellt sich die Frage, ob dsRNA-Wirkstoffe rechtlich auch als gentechnisch veränderte Organismen eingestuft werden könnten. Zu klären dürfte zudem sein, ob das Einbringen von dsRNA in Zellen von Pflanzen, wie es bei gewissen Sprayanwendungen der Fall ist, rechtlich ein gentechnisches Verfahren ist.
Laut BLW fanden in der Schweiz noch keine Feldversuche mit dsRNA-Präparaten statt. Wann Gesuche für solche Tests oder für die Zulassung der neuartigen Spritzmittel eingehen werden, ist unklar. Klar ist jedoch, dass jetzt darüber zu diskutieren ist, wie die RNA-Ära sorgfältig und verantwortungsbewusst gestaltet werden kann. Umso mehr noch, als dsRNA nicht nur im Pflanzenschutz Einzug hält. Für zu Hause könnte es künftig dsRNA-Biozide gegen Bettwanzen und Kakerlaken geben. In der Tiermedizin kommen Präparate gegen die Varroa-Milbe der Honigbiene ins Angebot. Zum Schutz der öffentlichen Gesundheit sind Sprays gegen Krankheitsüberträger wie die Gelbfiebermücke geplant. Und für den Naturschutz arbeiten Forschende an Mitteln gegen invasive Arten wie den Eschenprachtkäfer. In Vorbereitung ist zudem auch die Trait-on-demand-Landwirtschaft. Sie beruht auf der Idee, Eigenschaften von Pflanzen künftig nicht mehr mit Züchtung zu generieren, sondern während des Anbaus je nach Bedarf mit dsRNA zu erzeugen.
Dass eine Diskussion geboten ist, zeigt auch ein Blick in die Pflanzenzucht. Firmen entwickeln Gentechsorten, die dsRNA selber bilden und sich damit gegen Schädlinge wehren können. Mit dem Smartstax-Pro-Mais von Bayer soll 2020 in Nord- und Südamerika eine erste derartige Sorte auf die Felder kommen. In der EU ist der Hightech-Mais 2019 als Lebens- und Futtermittel bewilligt worden – ohne dass im Zulassungsverfahren die notwendigen Anpassungen an die dsRNA erfolgt wären.
Sicherheit und Transparenz sollen dem Profit geopfert werden
(Bild: Shutterstock)
Fokusartikel Gentechfrei Magazin Nr. 115
Sicherheit und Transparenz sollen dem Profit geopfert werden
Eine neue Studie der EU-Kommission zur Genomeditierung betont vor allem deren Chancen. Auch in der Schweiz lobbyieren Wissenschaftskreise aus dem Bereich der Biotechnologie, wirtschaftsnahe Parteien und auch der Detailhandel für die neue Gentechnik und eine Verw sserung der Gentechnikregulierung. Das Vorsorgeprinzip droht einem kurzfristigen Streben nach Profit geopfert zu werden. Mahnende Stimmen werden nicht gehört, auch wenn juristische Gutachten zeigen, dass auch die Genomeditierung als Gentechnik eingestuft werden muss.
Text: Zsofia Hock, Paul Scherer
Ein neuer Bericht der Europäischen Kommission von Ende April 2021 preist die Genomeditierungsverfahren als vielversprechende Waffe gegen die vielfältigen Probleme, mit denen sich die Landwirtschaft heute konfrontiert sieht. Sie rät daher, das Gentechnikgesetz entsprechend zu lockern. Laut IFOAM Organics Europe basiert dieser Bericht der Generaldirektion Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (DG SANTE) grösstenteils auf Annahmenzum zukünftigen „Nutzen für die Gesellschaft“, der den neuen gentechnischen Verfahren zugeschrieben wird. Er enthält aber keine soliden Argumente, um die Schlussfolgerung zu untermauern, dass die derzeitige GVO-Gesetzgebung der EU für die neuen Techniken „nicht geeignet“ ist. Auf Grundlage dieser Annah-men will die Kommission neue Rechtsvorschriften zur Förderung neuer gentechnischer Verfahren vorschlagen und eine breit angelegte Konsultation mit Interessengruppen und Mitgliedstaaten einleiten, um einen künftigen Rechtsrahmen zu diskutieren. IFOAM befürchtet, dass der Prozess mit einer gefährlichen Deregulierung dieser Verfahren enden könnte.
Der Bericht der EU-Kommission wird auch die Diskussion in der Schweiz beeinflussen. Hier schickte der Bundesrat Ende November 2020 eine Anpassung des Gentechnikgesetzes in die Vernehmlassung.Er rät, das Gentechnikmoratorium, das Ende 2021 ausläuft, um weiterevier Jahre zu verlängern. Eine solche Verlängerung schien vorerst unbestritten – in der Politik ebenso wie in der Landwirtschaft und bei den Konsumierenden. Doch der bundesrätliche Vorschlag stiess auf unerwartet heftige Kritik – vor allem in Wissenschafts- und Wirtschaftskreisen. Stein des Anstosses war eine klare An-sage: Das Moratorium bezieht sich auch auf die neuen Gentechnikverfahren. Damit folgte der Bundesrat überraschend deutlich der Motion von SVP-Nationalrat Andreas Aebi vom 26.9.2019. Die GVO- Freiheitsei ein wichtiges Element für die Positionierung der Schweizer Lebensmittel im Markt und werde über das Gentechmoratorium abgesichert, so Aebi. Das Moratorium müsse um weitere 4 Jahre verlängert werden, insbesondere weil inden kommenden Jahren der Umgang mit den neuen Züchtungsmethoden im Gentechnikgesetz geregelt werden müsse. Die Verlängerung des Moratoriums schaffe dafür die nötige Zeit. Die rasche Entwicklung der Gentechnologie in der jüngsten Vergangenheit werfe prioritäre rechtliche und technische Fragen auf.

(Bild: Shutterstock)
Die Agrarkonzerne rechnen mit einem Milliardenmarkt, der sich ihnen mit genomedierten Pflanzen und Tieren eröffnen könnte.
Rechtsgutachten: Ausnahmeregelungfür die neuen Mutageneseverfahren nicht begründet
Jemand, der sich seit vielen Jahren mit den rechtlichen Aspekten der Gentechnik auseinandersetzt, ist Christoph Errass, Titularprofessor für öffentliches Recht an der Hochschule St. Gallen. Für Errass ist klar: Die neuen Verfahren der Genomeditierung sind Gentechnik und müssen daher gemäss den Bestimmungen des bestehenden Gentechnikgesetzes reguliert werden. Einzelne Anwendungen der neuen Gentechnik von der Regulierung auszunehmen, wie dies für die herkömmlichen Mutageneseverfahren gemäss der Schweizer Freisetzungsverordnung der Fall ist, wäre rechtlich nicht zulässig. In Anlehnung an die GV-Richtlinie der EU werden in der Schweiz die herkömmlichen Mutageneseverfahren, bei denen mit Hilfe chemischer oder radioaktiver Substanzen Mutationen ausgelöst werden, aktuell nicht als Gentechnik geregelt. Würde das Gentechnikgesetz jedoch eng ausgelegt, könnte nach Einschätzung von Errass auch die Rechtmässigkeit dieses Ausschlusses der Mutageneseverfahren von den Regulierungen des Gentechnikrechts in Frage gestellt werden.
Der alleinige Grund, warum die herkömmlichen Mutageneseverfahren von den EU-Richtlinien für Gentechnik ausgeschlossen worden waren, lag inderen bereits lang andauernder Sicherheit („history of safe use“). Umgekehrt bedeutet dies nach Einschätzung des Rechtsexperten, dass „Mutageneseverfahren, die noch nicht seit langem angewandt werden und als sicher gelten, nicht vom Anwendungsbereich der Richtlinie ausgeschlossen werden können“. Analog der Strassburger Rechtsprechung zu Asbest dürfe man davon ausgehen, „dass mindestens30 Jahre zugewartet werden muss, bevor ausreichend sicheres Wissen zu den 2012 entdeckten Genomeditierungsverfahren vorliegt und diese deshalb den herkömmlichen Mutageneseverfahren gleichgestellt werden können“, folgert Errass.
Ist die Genomeditierung als gentechnisches Verfahren reguliert, sind die materiellen und formalen Bestimmungen des GTG über den Umgang mit GVO anwendbar. Wer diese Regelungen nicht einhalte, könne strafrechtlich belangt werden – dies gelte auch für Gemeinwesen. Daraus könnten auch Schadenersatzansprüche entstehen, schreibt Errass.
Zum gleichen Schluss kommt das von der SAG bereits 2017 in Auftrag gegebene Gutachten Stauber. Sowohl die europäische wie auch die Schweizer Politik bezüglich GVOs beruhen auf dem Vorsorgeprinzip. „Im Allgemeinen – und umso mehr, falls das Moratorium über die Anwendung von GVOs in der Landwirtschaft aufgehoben wird – sollte ein verantwortungsbewusste Staat eine gewisse Kontrolle über die aus moderner Biotechnologie entstehenden Produkte bewahren. Eine Definition im weitesten Sinn des Rechtsgegenstands GVO bildet hierbei eine unabdingbare Bedingung“ , schreibt der Autor des Gutachtens, der Jurist Maximilian Stauber.
Nur Verfahren, die sich über lange Zeit bewährt haben, sollten von dieser Kontrolle ausgenommen werden. Die neuen Techniken müssen so lange einer Überprüfung unterzogen werden, bis sie gut verstanden werden, ihr Gegenstand genügend bekannt ist und mögliche ökologische oder chronische Gesundheitsschäden Zeit hatten aufzutreten und festgestellt zu werden, folgert das Gutachten. Selbstverständlich ist ein Nullrisiko nicht möglich, doch sind strengeAuflagen umso notwendiger, als bisher die möglichen Risiken den erwarteten (mageren bis nicht vorhandenen) Nutzen der GVO übersteigen.

(Bild: Shutterstock)
Die Genomeditierung beschränkt sich nicht auf die Pflanzenzucht. Auch mit dem Genom von Kühen, Hühnern, Schweinen und Fischen wird im Labor experimentiert, und mit Gene Drives sollen Wildtiere nach Gutdünken genetisch angepasst werden. Eine Deregulierung des Gentechnikrechts wäre daher äusserst fahrlässig.
Industrienahe Wissenschaft blendet Risiken aus – in der Hoffnung auf Profit
Geradezu fahrlässig mutet in diesem Licht die Folgerung der Schweizer Akademien (SCNAT) der Naturwissenschaften an, welche die Wissenschaftsvereinigung in ihrer Stellungnahme vom 25. Februar zur Änderung des Gentechnikgesetzes und zur Verlängerung des Moratoriums für gentechnisch veränderte Organismen veröffentlichte. Die unterzeichnenden Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler kritisieren, dass der Bundesrat gesetzliche Erleichterungen für die Produkte bestimmter gentechnischer Verfahren ablehnt. Laut SCNAT greife das geltende Gentechnikgesetz zu kurz und erlaube keine verantwortungsvolle und inklusive Nutzung der neuen gentechnischen Verfahren.
Das Pikante daran: Die vom Forum Genforschung der SCNAT initiierte Stellungnahme soll die Meinung der gesamten SCNAT repräsentieren. Doch Forschende, die der Gentechnik kritisch gegenüberstehen, wurden in die Unterschriftensammlung nicht miteinbezogen, wie der SAG aus gentechnikkritischen Forschungskreisen zugetragen wurde. So ernennen sich die Pro-Gentech-Lobbyierenden, die im Forum Genforschung der SCNAT organisiert sind, selbst zu alleinigen Repräsentierenden der Wissenschaft, obwohl sie nur einen kleinen Teil der Akademien ausmachen. Mehrere der in der Stellungnahme aufgeführten Expertinnen und Experten besitzen Patente im Bereich der Biotechnologie und sie oder ihre Institute profitieren direkt von einer schwachen Regulierung.
Weiter erachtet das Forum im Gegensatz zu unabhängigen Wissenschaftsorganisationen, (beispielsweise Critical Scientists Switzerland) und zum Bundesrat „die naturwissenschaftlichen Grundlagen als ausreichend, um bereits heute die Risiken der neuen gentechnischen Verfahren so weit zu beurteilen, dass risikobasierte Anpassungen des Gentechnikrechts möglich sind“, wie sie in ihrer Stellungnahme schreiben. Die Praxis zeigt jedoch das Gegenteil: Sogar bei der klassischen Gentechnik, bei der bereits 30 Jahre Erfahrung besteht, werden die Risiken nur ungenügend eruiert, wie das internationale Forschungsprojekt RAGES bestätigt. Vor allem mangelt es an Langzeitstudien. Die sich dynamisch entwickelnden Genomeditierungsverfahren verfügen über gar keine Geschichte der sicheren Nutzung. Nachweise hingegen, dass die Genschere unbeabsichtigte Nebeneffekte verursacht, die sich erst nach längerer Zeit manifestieren, häufen sich.
Strenge Regulierung fördert die Entwicklung von nachhaltigeren Alternativen
Eine strenge Regulierung könne Innovationen negativ beeinflussen, diese viel gehörte Klage wird auch von SCNAT ins Feld geführt. Doch gerade die vorschnelle Anwendung und der Mangel an kritischer Bewertung von lediglich theoretisch auf ihre Machbarkeit überprüften Biotechnologien ist der zentrale Faktor, durch den Innovation verzögert und das öffentliche Vertrauen gefährdet wird, schreiben zwei Biotechnologen in „Nature Reviews“. Neue Anwendungen der Genschere CRISPR/Cas werden oft an Modellpflanzen unter standardisierten Bedingungen getestet. Aus solchen im Labor durchgeführten Experimenten entstehen Hypothesen zur Anwendung beim Anbau von Kulturpflanzen. Oft zeigen sich aber die Schwachstellen der neuen Technologien erst dann, wenn die darauf basierenden Produkte grossflächig angebaut werden.
Würden die neuen gentechnischen Verfahren nicht streng reguliert, kann dieser natürliche, selbstkorrigierende Prozess der wissenschaftlichen Innovation Umwelt und Gesundheit gefährden und zu Verlusten seitens der Nutzer der so entstandenen Produkte führen. Eine strenge Regulierung fördert hingegen Innovationen im Bereich der Alternativen, wie beispielsweise der Agrarökologie, die auch laut Weltklimarat und der Welternährungsorganisation FAO nachhaltigere Lösungen für die Herausforderungen der Zukunft bietet.
Lukrative Geschäftsaussichten als Motor der Lobbywelle
Neuerdings wirbt die Website sciencebased.ch für die Liberalisierung der neuen gentechnischen Verfahren. Mit fragwürdigen Begründungen: Bis 2050 müsse die Landwirtschaft 50 Prozent mehr Nahrungsmittel bereitstellen. Angesichts von Klimawandel und globalem Bevölkerungswachstum seien innovative Ideen zur Nahrungsmittelproduktion dringend gefragt.Ansätze der Grünen Biotechnologie würden einen wichtigen Beitrag leisten, die Welt nachhaltiger zu ernähren. „So hat die Genschere CRISPR/Cas9, für die Emmanuelle Charpentier und Jennifer Doudna 2020 den Chemie-Nobelpreis erhielten, die Pflanzenzucht bereits heute zum Wohle aller revolutioniert. Es wird Zeit, dass auch die Schweiz diese Errungenschaften der modernen Biotechnologie anerkennt“, heisst es auf der Plattform. Ausser der Tatsache, dass Charpentier und Doudna für die Entdeckung der Genschere den Nobelpreis erhalten haben, erscheint die Faktenlage dieser Aneinanderreihung von Schlagworten äusserst fragwürdig – und wenig wissensbasiert zu sein. Betrieben wird die Seite von einer Kommunikationsorganisation, zu deren Kunden unter anderem Bayer, BASF und Syngenta, drei Schwergewichte der Agrarindustrie, gehören. Daneben werden auch Economiesuisse und Scienceindustries als Kunden aufgeführt. Ob diese Kunden auch für die neue Werbeplattform finanziell aufkommen, wird leider nicht transparent gemacht.
Ein genauerer Blick auf die Liste möglicher genomeditierter Pflanzen läst Fragen aus. Wo sind diese Wunderpflanzen? Welche Eigenschaften haben sie und wann werden sie auf dem Markt verfügbar sein? Wieso wird derart heftig für sie lobbyiert und wieso lässt sich die Wissenschaft von der Agrarindustrie derart unkritisch einspannen?
Wie eine Studie im Auftrag von Global 2000 zeigt, bringt die neue Gentechnik lediglich viele leere Versprechen. Mit Eigenschaften wie einer veränderten Fettsäure oder einem erhöhten Ballaststoffgehalt versuchen die Unternehmen eine zahlungskräftige Kundschaft in den reichen Industrienationen anzusprechen, die bereit ist, für (vermeintlich) gesündere Produkte mehr Geld auszugeben. Davon profitieren vor allem jene Grossunternehmen, deren Geschäftsmodell auf der Nutzung geistiger Eigentumsrechte aufgebaut ist. CRISPR/Cas ist kein „demokratisches Verfahren“ für den Mittelstand, sondern Big Business für die Grossen. Jedes Unternehmen, ob klein oder gross, das die Technologie nutzen will, muss zuerst mit den Patentinhaberinnen verhandeln und Lizenzen zahlen. Den Bäuerinnen und Bauern bringen Patente nur steigende Saatgutpreise, eine beschränkte Auswahl und neue Abhängigkeiten.
Klar ist, dass sehr viel Geld im Spiel ist. Gemäss den sogenannten CRISPR Files rechnen die Saatgutunternehmen mit einem Milliardenmarkt. Entsprechend kräftig wird weltweit in Lobbyingmassnahmen investiert. In der EU wird damit Druck auf die EU-Kommission aufgebaut, in der Schweiz auf Bundesrat und Parlament in Hinblick auf die Moratoriumsverlängerung und die zukünftige Regulierung der Genomeditierung. Die einzige Pflanze, für die bislang in Europa ein Zulassungsantrag gestellt wurde, ist gemäss Testbiotech ein herbizidresistenter Mais der Firma Pioneer, der zudem ein Insektengift produziert – ganz nach dem alten Muster. Pioneer hat sich die CRISPR/Cas-Pflanzen in Europa durch Patente schützen lassen und bereits zahlreiche weitere Patentanträge auf die Technologie und entsprechende Pflanzen angemeldet.
Traditionelles und lokales Wissen führen zum Erfolg
(Bild: Greenpeace / Li Zikang)
Fokusartikel Gentechfrei Magazin Nr. 103
Lösungsansätze für eine nachhaltige Landwirtschaft
Seit der Nachkriegszeit hat sich die Landwirtschaft durch einen Prozess der Standardisierung und Industrialisierung von Agrar- und Ernährungssystemen grundlegend verändert. Die Erträge wurden deutlich gesteigert, jedoch auf Kosten der Ökologie. Die Gentechnik ist die logische Fortsetzung dieser Intensivierung. Doch statt Lösungen für anstehende Probleme zu bieten, verschärft sie diese.
Text: Dr. Luigi D'Andrea, Stop OGM
Die Grüne Revolution, wie der Umbau der Landwirtschaft durch Technologie, Chemie und billige Energie ab 1960 auch bezeichnet wird, hat es ermöglicht, die Erträge deutlich zu steigern. Die Kosten sind jedoch hoch: Verlust der Biodiversität, Versalzung der Böden, Bodensterilisation, Kontamination der Ökosysteme durch Pestizide und Düngemittel, Treibhausgase, Verringerung der Ernährungsqualität, Pestizidrückstände, erhöhte Abhängigkeit der Landwirte von den Produkten der agrochemischen Multis.
Diese Entwicklung führte auch zu einer Standardisierung der Agrarsysteme, was sie sehr anfällig für Krankheiten und Schädlinge machte. In einem ausgewogenen System kontrollieren sich die Organismen gegenseitig. Der Anbau einer einzelnen Sorte im grossen Stil erleichtert dagegen die Entwicklung und Ausbreitung von Schädlingen, da das Fehlen von Biodiversität die Schädlingsbekämpfung durch Nützlinge reduziert.
Gentechnik – eine logische Fortsetzung der Grünen Revolution

Die kleinbäuerliche Landwirtschaft bildet das wirtschaftliche Rückgrat der Länder des Südens. Sie sorgt für Einkommen und Beschäftigung. Sie schafft 80 Prozent aller Arbeitsplätze. Mit Gentechnik hergestellte Pflanzen werden für «reiche» Bauern entwickelt, die sich verschulden können. Für mittellose Kleinbauern taugen sie nicht. Ihnen helfen angepasste Sorten und Artenvielfalt, um ihre Erträge zu verbessern. (Bild: Geric Cruz / Greenpeace)
Der französische Philosoph Descartes glaubte, dass der Mensch die Natur durch Technik beherrschen könne. Auf diesem reduktionistischen Denkansatz basiert die Grüne Revolution. Doch dieser Ansatz hat eine ganze Reihe grundlegender Probleme hervorgebracht, die ihren Ursprung in der Definition von Fortschritt und Innovation haben, die in erster Linie auf Technik setzen und entsprechend bestimmen, welche Art von Produkten auf den Markt gebracht wird.
Die Gentechnik ist die Fortsetzung dieses Konzepts der Grünen Revolution. Sie hilft denjenigen Landwirten, die ein Modell wünschen, das noch produktiver und noch intensiver ist. Die anfallende Arbeit soll durch immer stärkere Standardisierung und technische Massnahmen wie beispielsweise den Einsatz von Herbiziden erleichtert werden. Dieses reduktionistische Denken manifestiert sich in grossflächigen Monokulturen.
Paradoxerweise wird die Gentechnik als Lösung für alle landwirtschaftlichen Probleme verkauft. In Wirklichkeit verschärft sie diese, was nicht überrascht. Denn dieses Produktionsmodell verstärkt die negativen Umwelteffekte und die Defizite solcher Agrarsysteme treten noch deutlicher zu Tage. So hat beispielsweise der Anbau gentechnisch veränderter Pflanzen, die resistent sind gegen Schädlinge (z.B. insektenwirksame Bt-Toxine), Krankheiten (mosaikvirusresistente Papaya) oder die eine Herbizidresistenz besitzen, die Entwicklung von Resistenzen bei Schädlingen, Krankheitserregern und Unkräutern beschleunigt. Die Resistenzen entwickeln sich immer schneller und die Zielorganismen werden immer resistenter. Wissenschaftliche Untersuchungen haben gezeigt, dass bei der Ausrottung eines Schädlings andere Schädlinge die entstehende ökologische Nische besetzen.
Symptome statt Ursachen werden bekämpft

Agroforstwirtschaft, die Kombination von Bäumen und Landwirtschaft, stellt eine traditionelle Form des ökologischen Wirtschaftens dar. Das System erweist sich als hochproduktiv. Die Bäume binden Stickstoff und sorgen so für die Ernährung anderer Pflanzen. (Bild: Cheryl-Samantha Owen / Greenpeace)
Die Gentechnologie setzt, genauso wie Pestizide, bei den Symptomen von Ungleichgewichten in unseren Agrarsystemen an statt bei deren Ursachen und ist daher auch wirkungslos. Ihr Einsatz löst Probleme wie Schädlinge oder Unkräuter nicht, sondern verstärkt sie. Denn sie produziert Organismen, die ihre Leistungsfähigkeit schnell wieder verlieren und dann durch neue ersetzt werden müssen. Dies entspricht exakt der geplanten Obsoleszenz bei Produkten, die perfekt für die Herstellungsindustrie sind, aber wenig oder nichts zu nachhaltigen Lösungen beitragen.
Gentechnik taugt nicht dazu, belastbare und nachhaltige lokale Lösungen zu bieten, welche die Autonomie der Bauern und die Ernährungssouveränität fördern. Sie erhöht die Abhängigkeit der Landwirte von teuren Hochleistungspflanzen. Sie nutzt Labortechnologien, die teure Investitionen erfordern und patentierbare Produkte für die industrielle Landwirtschaft liefern. Sie generiert nur schlecht angepasste Produkte, die einerseits die Abhängigkeit der Landwirte von den Agrarkonzernen erhöhen und andererseits ein industrielles Produktionssystem fördern, das für eine gesunde und nachhaltige Ernährung der Menschheit ungeeignet ist. Was die Landwirte jedoch brauchen, sind einfach einsetzbare und standortangepasste Lösungen, die nicht zu viel Technik erfordern.
Neue gentechnische Verfahren – eine alte Rhetorik für ein veraltetes Produktionssystem
Eine Landwirtschaft, die der Maximierung des Gewinns dient, erzeugt soziale und ökologische Schulden. Für eine Nahrungsmittelproduktion, die der Menschheit dient, braucht es Betriebe, die so vielfältig wie möglich sind. Doch seit über 50 Jahren wird die Landwirtschaft von der technischen Entwicklung und nicht mehr vom Aufbau des Wissens zu landwirtschaftlichen Praktiken und Organismen geprägt. Landwirte wurden zu Landarbeitern gemacht, die auf die technischen Lösungen, welche die Industrie für die Produktion vorschlägt, nicht mehr verzichten können.
Landwirt zu sein, ist die Kunst, Pflanzen und Tiere in Einklang zu züchten, und nicht die Anwendung von verschiedenen Industrieprodukten. Gefragt ist heute mehr denn je ein landwirtschaftliches Innovationsmodell, das auf dem Wissen zu Agrosystemen aufbaut. Es braucht neue Anbaumethoden, die den veränderten Umweltbedingungen und unseren sich ändernden Bedürfnissen gerecht werden. Die Wissenschaft muss dazu ihren Beitrag leisten. Sie muss sich auf den Wissensaufbau zur lokalen Biologie konzentrieren und nicht auf die industrielle Agrochemie. Auch die neuen Gentechnikverfahren folgen diesem überholten Innovationsverständnis.
Auf dem Weg zur agroökologischen Landwirtschaft ohne Gentechnik
Seit 2017 wissen wir, dass auf den Feldern bis zu 75 Prozent der Insekten ausgestorben sind. Ihr Verschwinden zeigt, dass unser Ökosystem durch die intensive landwirtschaftliche Nutzung massiv geschädigt ist. Pestizide gelten als eine der Hauptursachen des Insektensterbens. (Bild: Peter Caton / Greenpeace)
Die Agrarökologie ist dagegen eine integrative Disziplin. Sie zielt darauf ab, zu verstehen, wie die verschiedenen Elemente eines landwirtschaftlichen Systems – Pflanzen, Tiere, Menschen, Umwelt – zusammenwirken, um produktiv und belastbar zu sein. Dank dieser Herangehensweise bietet sich die Agrarökologie als eine globale Lösung an, um lokal angepasstes Wissen und Technologie zu erschwinglichen Kosten für die Landwirte zu liefern. Sie klassifiziert und untersucht Agrosysteme aus ökologischer und sozioökonomischer Sicht und entwickelt ökologische Konzepte für die Gestaltung und das Management nachhaltiger Agrarsysteme.
Laut dem 2009 erschienenen Weltagrarbericht ist ein Paradigmenwechsel in der Landwirtschaft dringend nötig. Nicht die Umwelt muss angepasst werden, um den bestehenden technischen Lösungen zu entsprechen. Sinnvoller ist es, sich an die lokale Umwelt anzupassen, indem die bestehenden Agrarsysteme diversifiziert werden. Lokal angepasste Systeme bieten mehr Widerstandsfähigkeit. Sie besitzen eine höhere Belastbarkeit, da sie sich nach einem störenden Ereignis besser erholen. Die internationale Forschung zeigt immer deutlicher, dass die Leistungsfähigkeit und Stabilität von Agrarökosystemen vom Grad der biologischen Vielfalt von Tieren und Pflanzen in und um das System herum abhängt. Das liegt vor allem daran, dass ein Organismus mehrere Funktionen erfüllt und eine Funktion von mehreren Organismen wahrgenommen wird. Dies erklärt, warum ein neuer Schädling auftreten kann, wenn ein bestehender vernichtet wird.
Die Biodiversität erbringt eine Reihe von ökologischen Dienstleistungen, die über die Nahrungsmittelproduktion hinausgehen, wie beispielsweise Nährstoffrecycling, Regulierung des Wasserhaushaltes, Stickstofffixierung, Entfernung unerwünschter Organismen oder Entgiftung toxischer chemischer Verbindungen. Um dies möglichst optimal zu erreichen, muss unsere Nahrungsmittelproduktion auf landwirtschaftliche Anbausysteme ausgerichtet werden, die sich für kleine Betriebe eignen. Kleinflächige Systeme reagieren viel dynamischer auf Veränderungen. Gentechnik ist dagegen nur auf grossen Flächen rentabel.
Forschungsgelder ungleich verteilt
Heute entfallen laut einer europäischen Studie zwei Drittel der öffentlichen Mittel, die für die landwirtschaftliche Forschung zur Verfügung stehen, auf die Entwicklung von Gen- und Biotechnologie. Solche Projekte sind teuer, riskant und sie bieten keine Lösungen für die Probleme, mit denen sich die Landwirtschaft heute konfrontiert sieht. Wenn Ernährungssouveränität, mehr Autonomie in den ländlichen Gemeinden und letztlich mehr Widerstandsfähigkeit in unseren Ernährungssystemen erzielt werden soll, können wir uns nicht auf ein Modell standardisierter, zentralisierter und kapitalintensiver Innovationen stützen, bei denen Wissen privatisiert und konzentriert ist, wie dies bei der Gentechnik der Fall ist. Die Agrarökologie hingegen kann weltweit erfolgreich eingesetzt werden. Sie kommt ohne Gentechnik aus und stellt eine effektive «Alternative» dar. Nötig ist dazu eine Änderung bei der Ausrichtung der Forschungsagenda und der Förderschwerpunkte. Damit die Agrarökologie in grossem Umfang realisiert werden kann, braucht sie die notwendige politische und finanzielle Unterstützung.
Wenn Chatbots beim CRISPRen helfen

Bild: Shutterstock, KI-generiertes Bild
Fokusartikel Gentechfrei Magazin Nr. 130
Wenn Chatbots beim CRISPRen helfen
Immer öfter bringen Startups und Tech-Giganten Werkzeuge der generativen Künstlichen Intelligenz in die Gentech-Labore. Dort könnten bald Organismen entstehen, deren Herstellung zuvor nicht möglich war. Die Diskussion möglicher Risiken hat eben erst begonnen.