Was haben hodenlose Gentechschweine und bakterienanlockende CRISPR-Pflanzen gemeinsam? Das Schlüsselwort ist Ablenkung. Eingriffe in die genetische Grundlage von Lebewesen können Kettenreaktionen auslösen, die Gesundheit, die Würde der Kreatur oder die ökologische Stabilität gefährden. Dennoch rücken im politischen Diskurs vor allem Versprechen wie Tierwohlverbesserung, Ertragssteigerung und weniger Agrochemie in den Vordergrund – Lockmittel, die Akzeptanz schaffen und Profit sichern sollen. Über die Wichtigkeit einer gründlichen Risikoprüfung wird geschwiegen.
Die Evolution hat Lebewesen mit molekularen Mechanismen ausgestattet, die verhindern, dass sich das Erbgut wahllos und überall gleichzeitig verändert. Sie stabilisieren die Merkmale der Arten, lassen aber auch Anpassungen zu. Mit der Genschere CRISPR/Cas lassen sich solche Mechanismen jedoch überwinden, was neue Perspektiven für die Biotechindustrie eröffnet – aber auch neue Risiken birgt. Selbst kleine Veränderungen im Erbgut können weitreichende Folgen haben. Zahlreiche Interaktionen zwischen Genen und ihrer Produkte können davon betroffen sein – bekannt ist nur ein Bruchteil davon. Doch dies ist nur die Spitze des Eisbergs: Auf nachgelagerten Ebenen, wie der Ebene des Stoffwechsels oder des Ökosystems werden die möglichen Auswirkungen noch komplexer, während die Anzahl der Studien zu den Effekten abnimmt.
Vom Gen zum Ökosystem: Eine Kette unbekannter Folgen
Gene liefern den spezifischen Bauplan für die Herstellung von Proteinen, die an zahlreichen miteinander verknüpften Stoffwechselprozessen beteiligt sind. Wenn ihre Produktion durch gentechnische Eingriffe verändert oder gestoppt wird, kann sich das auf das gesamte Stoffwechselsystem auswirken. Denn zwischen den miteinander eng verknüpften Stoffwechselwegen herrscht ein dynamisches Gleichgewicht, das Stabilität, Flexibilität und Effizienz gewährleistet. Wird dieses Gleichgewicht an einer Stelle gestört, kann dies kaskadenartig zahlreiche Prozesse beeinflussen und Störungen verursachen, die im schlimmsten Fall die Würde der Kreatur verletzen, Tierleid verursachen oder die Gesundheit beeinträchtigen.
Die Freisetzung gentechnisch veränderter Organismen in die Natur eröffnet eine weitere Ebene, auf der sich mögliche Interaktionen und ihre Auswirkungen deutlich vervielfachen. Die Anzahl der Organismen, mit denen beispielsweise eine Pflanze interagiert, variiert stark und lässt sich nur schätzen. Auf Blattoberflächen und im Boden kommt sie mit Hunderten bis Tausenden mikrobieller Gruppen in Kontakt, dazu mit zahlreichen Blütenbesuchern, Insekten, Tieren, die sie als Nahrung nutzen oder parasitieren, Pilzen als Pathogenen oder Symbiosepartnern, Viren und auch anderen Pflanzen. Die möglichen Auswirkungen gentechnischer Eingriffe sind deshalb auf Ökosystemebene am weitreichendsten und zugleich am tückischsten, da sie sich oft erst Jahre nach der Freisetzung zeigen und schwer zu untersuchen sind. Zum Zeitpunkt, wenn sie sich manifestieren, ist es meist zu spät, um sie rückgängig zu machen.
Vor diesem Hintergrund ist eine sorgfältige Risikoprüfung von Organismen aus neuer Gentechnik vor der Freisetzung unerlässlich, um diese unsteuerbare Kaskade an negativen Folgen im Keim zu ersticken. Dazu ist ein Screening des gesamten Genoms das Mindestmass, damit unerwünschte Veränderungen – von kleinen Fehlern bis zu grossen Umstrukturierungen – frühzeitig erkannt und beseitigt werden können.
Gelangen nicht ausreichend geprüfte Pflanzen aus neuer Gentechnik in den Zuchtgenpool, kann dies Gesundheit und biologische Vielfalt irreversibel schädigen und die europäische Landwirtschaft langfristig beeinträchtigen. Der aktuelle Vorschlag der EU, wie im Trilog vom 3. Dezember abgesegnet, ist deshalb besorgniserregend: Für etwa 94% Prozent der NGT-Pflanzen wäre demnach keine verpflichtende Risikoprüfung mehr vorgesehen.
Pflanzen und ihre Nachbarn – unbegrenzte Wechselwirkungen
Das Wegfallen einer Risikoprüfung ist fahrlässig. Denn Pflanzen lassen sich weder räumlich begrenzen noch von anderen Organismen gänzlich abtrennen. Sie verbreiten Gene über Pollen, Samen sowie vegetative Vermehrungseinheiten (z. B. Ableger oder Knollen) und stehen in ständigem Austausch mit Mikroorganismen, Tieren und anderen Pflanzen. Werden grosse Mengen gentechnisch veränderter Pflanzen in kurzer Zeit freigesetzt, kann die Geschwindigkeit dieser Veränderungen die Anpassungsfähigkeit ohnehin belasteter Ökosysteme überfordern.
Wie? Ein Beispiel liefert ein von Bayer mitfinanziertes Projekt, in dem Forschende aus Kalifornien den Stoffwechsel von Brotweizen mehrfach gentechnisch verändert haben, damit die Pflanzen mehr eines Lockstoffs produzieren. Das Ziel: Stickstofffixierende Bodenbakterien anzulocken, um durch die erhöhte Luftstickstoffixierung eine bessere Photosyntheseleistung und höhere Erträge zu erreichen. Ähnliche Resultate publizierte die Gruppe 2022 bereits für Reispflanzen aus neuer Gentechnik.
Nach aktuellen regulatorischen Vorhaben bräuchten solche Pflanzen in der EU keine Umweltrisikoprüfung – obwohl ihre Eigenschaften neu sind und konventionell nicht hätten gezüchtet werden können. Das ist riskant. Diese Pflanzen sind so konzipiert, dass sie über ihre abgesonderten Flüssigkeiten (Exsudate) mikrobielle Netzwerke reorganisieren, was natürliche Symbiosen – etwa mit Pilzen, stickstofffixierenden Bakterien oder Bodeninsekten – stören und lokale Biodiversität verringern kann. Studien zeigen, dass von solchen Pflanzen angelockte Mikroben auch Nachbarpflanzen besiedeln. Das könnte etwa Unkräuter stärken, wenn dadurch deren Nährstoffversorgung verbessert oder ihr Wachstum verändert wird. Ein Beispiel: Reis kreuzt leicht mit Unkrautreis (Oryza sativa f. spontanea) aus, der ohnehin Probleme im Anbau verursacht. Ein Gentransfer könnte dessen Konkurrenzfähigkeit weiter erhöhen, somit ökologische Gleichgewichte stören und langfristig Bodenmikrobiome verschieben – mit Folgen für Agrar- und Grenzökosysteme.
Hodenlose Schweine – Tierwohl als Nebelkerze
Werden Pflanzen gentechnisch manipuliert, löst dies selten grosse Gefühle aus – kein Wunder, dass auch über Risiken weniger nachgedacht wird. Beeinträchtigungen der Gesundheit oder der Würde der Kreatur wirken in Bezug auf Pflanzen für viele abstrakt. Anders verhält es sich bei Tieren und dies weiss die Industrie zu nutzen. Vorhaben, die angeblich dem Tierwohl dienen, werden gekonnt eingesetzt, um der Technologie mehr Akzeptanz zu verschaffen – unabhängig davon, ob sie noch im Entwicklungsstadium sind oder neuartige Risiken bergen. Dies, obwohl die politische Debatte aktuell nur Gentechpflanzen betrifft und eine Öffnung auch hier stark umstritten ist.
So lösten im November Medienbeiträge über eine Studie des Friedrich-Löffler-Instituts zu Gentechschweinen heftige Emotionen aus: Macht Gentechnik Kastrationsstrapazen tatsächlich überflüssig? Aufwühlende Bilder von blutenden Ferkeln besitzen viel Überzeugungskraft. Hinter die Kulissen wird jedoch kaum geschaut. Dass sich solche Vorhaben erst im experimentellen Zustand befinden — mit zahlreichen technischen Hürden und auch ethische Bedenken bestehen — stört die Lobbykommunikation wenig. Ihr Ziel ist es, positiv gefärbte Beispiele zu platzieren, um politische Debatte zu beeinflussen – Manipulation auf hohem Niveau.
Warum ist die gentechnische «Kastration» ein Thema? Männliche Ferkel werden kastriert, weil der sogenannte Ebergeruch beim Fleisch viele stört. Verantwortlich dafür sind die chemischen Stoffe Androstenon und Skatol, die in den Hoden ab etwa fünf Monaten entstehen. Das Entfernen der Hoden verhindert den Geruch, ist jedoch für die Tiere belastend. Biotechnolog:innen versuchen daher, Gene zu verändern, die Hodenentwicklung oder Geruchsstoffproduktion steuern.
Ohne funktionale Hoden können die Tiere jedoch keine Nachkommen zeugen. Daher wären entweder Leihmütter nötig – teuer, aufwendig und instrumentalisierend – oder spezielle Zuchtlinien, die fruchtbar bleiben, aber die sterile Eigenschaft tragen und an die Produktionslinie weitergeben. Manipuliert werden vor allem gängige Industrierassen, die danach patentierbar wären – ein sozioökonomisches Risiko, das die Marktkonzentration weiter fördert.
Die technischen Hürden sind ebenfalls hoch: Nach dem Ansatz des Friedrich-Löffler-Instituts werden zuerst männlicher Schweine Hautzellen entnommen und gentechnisch verändert. Aus diesen Zellen entstehen Embryonen durch die Übertragung des Zellkerns in entkernte Eizellen, die aus hormonell behandelten Sauen invasiv gewonnen werden. Weitere weibliche Tiere müssen mit Hormonen empfängnisbereit gemacht werden, um die Embryonen operativ einzupflanzen. Diese Verfahren sind belastend und ineffizient: In der Studie wurden von 31 Embryonen nur 12 ausgetragen, davon lediglich drei genetisch männlich. Zudem können Nichtzieleffekte auftreten – so trug eines der Ferkel eine grosse Chromosomeninversion (umgedrehter Chromosomenabschnitt durch Bruch).
Neben der Geschlechtsumkehr existieren weitere gentechnische Ansätze zur Geruchsfreiheit, etwa das Ausschalten oder Abschwächen von Genen für Hormone wie Testosteron oder Androgene sowie für Enzyme, die an der Bildung von Androstenon und Skatol beteiligt sind. Da diese Gene meist mehrere Merkmale beeinflussen, müssen unerwünschte Auswirkungen auf Wachstum, Immunfunktion oder Verhalten ausgeschlossen werden. Häufig werden anstatt Hautzellen, Embryonen direkt verändert: Dies ist zwar effizienter, birgt aber das Risiko von Mosaikbildung, sodass nicht alle Zellen die Veränderung tragen.
Fazit: Viele ungeklärte Fragen, viele Stolpersteine trotz massiver Investitionen. Dabei existieren effiziente Alternativen ohne Gentechnik – etwa Anpassungen bei Haltung und Fütterung – bereits vorhanden sind. Sie erfordern jedoch einen Systemwandel, der von den Hauptprofiteuren des aktuellen Systems abgelehnt wird.
Schweiz muss Vorsorgeprinzip aufrechterhalten
In der EU soll die Mehrheit der neuen Gentechnikpflanzen (NGT) künftig von einer Risikoprüfung befreit werden. Begründet wird dies mit der sogenannten «Äquivalenzvermutung»: Die gentechnische Veränderung werde als gleichwertig mit natürlich vorkommenden Mutationen und herkömmlichen Züchtungsprozessen betrachtet.
Diese Annahme entbehrt jeder wissenschaftlichen Grundlage und ist für einen Schutz nach dem Vorsorgeprinzip ungeeignet. Dies bekräftigt auch eine aktuelle Studie des deutschen Bundesamtes für Naturschutz (BfN). Trotz Kritik ignoriert die Industrielobby diese Fakten. Besorgniserregend: Denn die BfN stuft das Gefährdungspotenzial durch mögliche Risiken – insbesondere bei rasch zunehmendem Anbau von Pflanzen aus neuer Gentechnik – als «erheblich» ein.
Auch wenn für EU-Länder infolge der Gentechnik-Neuregulierung kein «Opt-out» für den Anbau von neuen Gentechnikpflanzen mehr bestehen soll, hat die Schweiz die Möglichkeit und Pflicht, einen anderen Weg einzuschlagen. Der Beibehalt des nationalen Verzichts auf Gentechpflanzen stützt sich auf den weiterhin hohen Rückhalt in der Bevölkerung.
Der Anbau gentechnisch veränderter Pflanzen bringt der Schweiz weder ökonomischen noch ökologischen Nutzen, dafür viele Unwägbarkeiten. Gentechnikfreiheit ist ein bewährtes Qualitätsmerkmal und muss geschützt werden. Die SAG setzt sich entschlossen dafür ein. Ihre Hilfe ist dabei entscheidend! Geben Sie der Lebensmittelschutzinitiative den letzten nötigen Schub: Unterschreiben Sie und mobilisieren Sie Ihr Umfeld!
Quelle:
Tajima H et al. 2025 Increased Apigenin in DNA-Edited Hexaploid Wheat Promoted Soil Bacterial Nitrogen Fixation and Improved Grain Yield Under Limiting Nitrogen. Fertiliser Plant Biotechnology Journal 23 (11): 5146–5160. https://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1111/pbi.70289
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Garcia-Pichel F 2025 Swift microbiome-mediated phenotype transfer from transgenic plants. Journal of Environmental Quality. 54 (6) : 1368–1382. https://acsess.onlinelibrary.wiley.com/doi/full/10.1002/jeq2.70070
Koller F 2025 The potential of NGTs to overcome constraints in plant breeding and their regulatory implications. International Journal of Molecular Sciences 2025, 26 (23) : 11391
https://www.preprints.org/manuscript/202511.0397